CODESYS Automation Server ergänzt CODESYS-Angebot

Automatisierer können Industrie 4.0 – keine Frage. Aber mit dem CODESYS Automation Server hat die CODESYS Group nun eine Plattform vorgestellt, mit der sich gerade in vernetzten Industrie-4.0-Landschaften die Steuerungswelt noch besser abbilden und aktualisieren lässt. Welche Vorteile die webbasierte Lösung bietet, erläutert Roland Wagner, Head of Product Marketing. Pilotanwender können sich noch bis April 2019 melden.

elektro AUTOMATION: Herr Wagner, im Zusammenhang mit dem 2018 vorgestellten CODESYS Automation Server sprechen Sie von einer Industrie-4.0-Plattform – können Sie das kurz erläutern?

Roland Wagner: Der CODESYS Automation Server läuft in einer Cloud und vereinfacht typische Aufgaben, die Automatisierer täglich zu erledigen haben. Sie erhalten unter anderem einen schnellen Überblick über die Steuerungslandschaft sowie Informationen über Zustand und Parameter einzelner Steuerungen, deren Softwarestände und vieles mehr. Darüber hinaus macht der CODESYS Automation Server alltägliche Aufgaben wie das Aufspielen der richtigen Applikationssoftware auf SPSen zum Kinderspiel. Der Funktionsumfang ist sukzessive erweiterbar – nicht nur durch uns als Hersteller. Insofern ist der CODESYS Automation Server eine echte Industrie-4.0-Plattform mit sofortigem Nutzen für Hersteller und vor allem Betreiber von Maschinen und Anlagen. Die technologische Nähe zu Millionen von kompatiblen Industriesteuerungen unterschiedlicher Hersteller im Feld macht Funktionen möglich, die andere Plattformen nicht bieten können.

elektro AUTOMATION: Sie bilden die Steuerungslandschaft des Anwenders in einer Web-Oberfläche ab, um den schnellen Überblick zu ermöglichen. Unterliegt das System Limitierungen etwa hinsichtlich der Anzahl der Steuerungen?

Wagner: Nein, ganz im Gegenteil. Die Web-Oberfläche gibt uns alle Möglichkeiten, um die Übersicht so zu gestalten, dass für den Anwender genau das sichtbar ist, was er wissen will. Er kann verschiedene Topologie-Ansichten hinterlegen, zum Beispiel für verschiedene Maschinenhallen und -standorte, für einzelne Schaltschränke oder sogar sein weltweites Steuerungsnetzwerk. Mit diesen Ansichten findet er sofort die gewünschte Steuerung. Auch die Gesamtliste kann man sich anzeigen lassen und nach bestimmten Kriterien filtern oder sortieren. Ob das nun 10, 1000 oder noch mehr Steuerungen sind, spielt dabei keine Rolle.

elektro AUTOMATION: Sie sprechen davon, dass bestimmte Funktionen auch ohne CODESYS-Entwicklungssystem möglich sind – etwa die zentrale Inbetriebnahme mehrerer Steuerungen. War eines der Entwicklungsziele, etwa das Ausrollen neuen Steuerungscodes auch durch trainiertes Servicepersonal zu ermöglichen – also ohne ausgewiesene Steuerungsexperten?

Wagner: Die Inbetriebnahme durch Servicepersonal realisieren manche unserer Kunden bereits durch eigene, proprietäre Add-on-Lösungen. Diesen Ablauf zu standardisieren und vor allem deutlich zu vereinfachen ist durchaus ein Ziel für den CODESYS Automation Server. Dabei sind wir mit einem integrierten Ticketsystem noch einen Schritt weitergegangen: Der Applikationsentwickler kann ein Steuerungsprogramm auch einem beliebigen Mitarbeiter vor Ort zur Inbetriebnahme übergeben. Dazu entwickelt und testet er zunächst die neue oder geänderte Applikation bei sich und lädt den getesteten Binärcode in den CODESYS Automation Server. In einem Ticket weist er den Mitarbeiter vor Ort per E-Mail an, diesen Binärcode auf eine Steuerung einzuspielen. Der Mitarbeiter erhält den Auftrag als Link zu einer eingeschränkten Weboberfläche, gibt darin die Seriennummer des Zielgeräts ein – gegegebenenfalls per QR-Code und integriertem Reader – und kommissioniert anschließend per Klick die richtige Applikation. Dazu benötigt der Techniker weder Programmiertool noch einen eigenen Zugang zum Server oder spezielle Kenntnisse. Einfacher, schneller und sicherer geht es nicht.

elektro AUTOMATION: Gibt es erste Erfahrungen beziehungsweise ein erstes Feedback aus der Praxis?

Wagner: Die ersten Erfahrungen in der Pilotphase und bei Vorführungen haben bisher für viel Begeisterung gesorgt. Eine ganze Reihe von Unternehmen hat sich bereits für die Evaluierungsphase angemeldet – sie erwarten deutliche Einsparungen für den täglichen Arbeitsablauf. Die Anmeldung ist noch bis April 2019 möglich.

elektro AUTOMATION: Sie bezeichnen den CODESYS Automation Server als dritte tragende Säule des CODESYS-Angebots – neben Runtime- und Engineering-Produkten. Da hier neben Steuerungs-Know-how vor allem auch IT-Know-how gefragt ist – haben oder bauen Sie hierfür ein eigenes Entwicklerteam auf?

Wagner: Nachdem wir in CODESYS schon immer IT und Automatisierungstechnik zusammengebracht haben, steht entsprechendes Know-how ohnehin zur Verfügung. Neben IT-Know-how sind zur Entwicklung einer solchen Plattform neue Architekturen, Entwicklungsmethodiken und Technologien gefragt. Sie fordern zu einem kompletten Umdenken in nahezu allen Unternehmensbereichen auf und bieten enorme Chancen für die Entwicklung moderner Software. Die Kompetenz dafür bündeln wir in einem neuen, cross-funktionalen Team, das die nächsten Monate noch deutlich wachsen wird. Zusätzlich unterstützen einige Kollegen aus anderen Entwicklungsbereichen. Einige Teile haben wir außerdem von einem externen Partner entwickeln lassen, der im Umfeld von Web-/Cloud-Entwicklung sehr erfahren ist.

elektro AUTOMATION: Zwangsläufig müssen Sie auch das Thema Datensicherheit beziehungsweise Security adressieren – wie stellen Sie das im Zusammenhang mit dem CODESYS Automation Server sicher und greifen Sie auch hier auf spezielles Security-Know-how zurück? Lässt sich ein unautorisierter Zugriff mit hoher Sicherheit verhindern?

Wagner: Mit Security beschäftigen wir uns seit Jahren sehr intensiv. Entsprechend haben wir zahlreiche Security-Funktionen im CODESYS Development System, der IEC-61131-3-Entwicklungsoberfläche, sowie dem dazugehörigen Laufzeitsystem integriert. Beispielsweise kann man direkt in CODESYS die Gerätekommunikation mit X.509-Zertifikaten verschlüsseln beziehungsweise signieren und damit die Vertraulichkeit und Integrität der Daten gewährleisten. Das sind die gleichen Mechanismen, denen wir heute beim Online-Banking vertrauen. Diesen hohen Sicherheitsstandard bieten wir auch beim CODESYS Automation Server. Sollte ein Kunde Bedenken wegen der Public-Cloud als Basisplattform haben, so können wir den CODESYS Automation Server aber auch als On-Premises-Lösung auf eigenen Servern anbieten. Damit hat der Kunde die vollständige Kontrolle über seine Daten.

elektro AUTOMATION: In der Summe könnte gewissermaßen eine Art ‚Cockpit‘ für Industrie 4.0 entstehen – eine Aufgabe, die insbesondere auch MES-Lösungen oder übergeordnete Plattform-Angebote adressieren. Denken Sie etwa in einem Industrie-4.0-Szenario auch an entsprechende Integrationen, um beispielsweise ‚agilen‘ Maschinen auftragsabhängig Steuerungscode bereitstellen zu können?

Wagner: Auch wenn wir derzeit noch keine konkreten Schritte in diese Richtung unternommen haben, ist das System flexibel genug, um solche Anbindungen künftig bereitzustellen.

elektro AUTOMATION: Welche weiteren Ausbaustufen sind bereits in Planung?

Wagner: Im CODESYS Automation Server werden Automatisierer künftig neben weiteren Daten auch Benutzerprofile und Security-Zertifikate für ihre Steuerungen verwalten. Darüber hinaus ist der CODESYS Automation Server ideal, um einzelne Schritte bei der Entwicklung des Steuerungscodes zu automatisieren. Beispiele hierfür sind die Prüfung durch Unit- oder Regressionstests und statische Codeanalyse, die Übersetzung in Binärcode sowie die Ablage im Versionsverwaltungssystem in der Cloud. Solche zentral realisierten Continuous-Integration-Prozesse ersparen Automatisierern viel Aufwand und verbessern gleichzeitig ganz wesentlich die Qualität der Applikationssoftware. Als Ergänzung zur klassischen Datenablage in Public Clouds wird der Codesys Automation Server eine komfortable Möglichkeit bieten, um Steuerungsdaten zentral abzuspeichern und weiterzuverarbeiten. Für Automatisierer ohne Erfahrungen mit Public-Cloud-Systemen wird das Sammeln großer Datenmengen und deren Nutzung zum Beispiel für Predictive Maintenance, Machine Learning oder Augmented Reality erheblich vereinfacht.

Das Interview führte Michael Corban, Chefredakteur der elektroAutomation, mit Roland Wagner, Head of Product Marketing bei der CODESYS Group. Es erschien in der Ausgabe 02/2019 der elektroAutomation.